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Gesänge zum Schwebenden

"Gesänge zum Schwebenden" - ein Projekt zur kirchenmusikalischen Auslegung des Güstrower Ehrenmals

Der evangelische Kirchenkreis Münster lässt durch die Musikhochschule Münster im Rahmen der Barlach-Ausstellung die Gesänge zum Schwebenden für die Skulptur Schwebender Engel , dem Güstrower Ehrenmal, uraufführen[1]. Warum aber wird eine musikalische Interpretation einer Barlach-Skulptur aufgeführt? Was haben Barlach und Musik miteinander zu tun?

1. Die Komposition Gesänge zum Schwebenden

1.1. Das Güstrower Ehrenmal

Ernst Barlach hatte 1927 für den gotischen Dom im mecklenburgischen Güstrow einen Bronzeengel gestiftet. Die Plastik, der Barlach ungewollt die Züge von Käthe Kollwitz verliehen hatte, sollte an die Toten des ersten Weltkrieges erinnern. Nur die Gusskosten musste die evangelische Gemeinde bezahlen [2].

Die über zwei Meter lange Skulptur, seither Güstrower Ehrenmal genannt, entsprach nicht dem Idealbild eines Mahnmals für gefallene Kriegshelden. Am 24. August 1937 ließ denn auch die Kirchenleitung die entartete Figur" entfernen und nach Schwerin bringen, da der slawische Engel von Barlach nicht würdig war, den Dom zu schmücken". Vier Jahre später lieferte der Landesbischof der Evangelisch Lutherischen Kirche Mecklenburg die Bronzefigur an die Kreisleitung der NSDAP Schwerin-Mitte aus zum Zwecke der Einschmelzung für die Wehrwirtschaft". Der Erlös ginge an die Kirche, hieß es.

Freunde Barlachs hatten das Unheil geahnt und Vorsorge getroffen. Schon 1939 ließen sie vom Original-Werkmodell einen zweiten Engel gießen, den sie versteckten. Sie taten gut daran, denn 1944 zerstörten Bomben das in Berlin aufbewahrte Gipsmodell. Der Zwillingsengel hingegen überlebte Krieg und Nationalsozialismus in einer Scheune in der Lüneburger Heide. Barlach selbst hatte diese Vermehrung seiner Plastik nicht mehr erlebt; er war im Oktober 1938 gestorben, noch vor dem Zweitguss [3].

1.2. Musikalische Akzente des Schwebenden

Die Komposition für Streichorchester, Marimba und Trommel kombiniert 11 Sätze, genannt Bilder für Sopran, Streicher, Marimba und Trommel in teils serieller Kompositionstechnik, unterbrochen von Kriegslärm. Intention ist, dass dieser Lärm in den Pausen zwischen den Streichersätzen von der Musik quasi aufgenommen und in den schwebenden Engel transponiert wird. Der Kontrast von Lärm und strenger Tonführung findet seine Synthese im Bilde des schwebenden Engels.

Die Skulpturen Barlachs erscheinen ähnlich wie Skulpturen der indischen Kunst als stark nach innen gewandt, introspektivisch. Zugleich sind sie als höchst erdig oder geerdet zu empfinden. Insofern erklärt sich die musikalische Struktur der Verbindung indischer Tonskalen mit schwebenden Streicherklängen und der erden klingenden Marimba, die rund klingt wie die Skulpturen Barlachs rund wirken. Die Trommel wirft den Schatten der beiden Weltkriege hinein.

In elf musikalischen Bildern werden Perspektiven auf den Schwebenden eröffnet. Dabei gewinnt die menschliche Stimme von Bild zu Bild mehr Prägekraft, beginnt bei dem Tonintervall der Prim und durchschreitet in den letzten Bildern den gesamten musikalischen Raum.

Die Aufführung findet zum Abschluss des Barlach-Projektes statt; zugleich ist dieser Tag auch der Volkstrauertag. Damit verbinden sich der Schwebende und die musikalische Auslegung in besonderer Weise mit Ort und Zeit, die an die Opfer der Gewaltherrschaft beider Weltkriege erinnert.

Es spielen Mitglieder des Orchesters der Musikhochschule Münster, geleitet von Christian Lorenz, der auch für dieses Projekt die Gastprofessur für ein Semester in der Musikhochschule innehat. Herr Lorenz leitete langjährig die Orchesterakademie im Schleswig-Holstein-Musikfestival; als Dirigent verschiedener Jugendorchester leistete er hervorragende Arbeit, um jungen Musikern musikalische Wertvorstellungen und Klang, auch im Bereich der neueren musikalischen Ausdruckssprache, zu vermitteln. Der Leiter der Projekte der Musikhochschule Münster, Prof. Peter von Weinhardt, sagt: Für die Musikhochschule Münster ist es von enormer Wichtigkeit, in das städtische Geschehen eingebunden zu werden und auch mit seiner Musik zum Kirchlichen sowie auch allgemeinem Leben beizutragen. Musik soll, ja darf, nicht nur einigen Wenigen zur Verfügung stehen, sondern muss als Teil des sozialen Lebens in Münster verstanden werden. Die Unterstützung der örtlichen Komponisten ist hierbei nur ein Baustein auf diesem Weg [4].

1.3. Ablauf der Aufführung

Trauermusik für Streicher

Witold Lutoslawski (1913-1994)

Komponiert 1958 anlässlich des zehnten Todesjahres von Béla Bartók

Gesänge zum Schwebenden für Sopran, Marimba, Streichorchester, Trommel, Norbert Ammermann (1956)

Dirigent: Christoph Lorenz, Intendant der Internationalen Bach-Akademie Stuttgart, Leitung des europäischen Musikfestivals

1.4. Die Durchführung

Bild 1 beginnt mit einer fugenhaften Entfaltung des Leitthemas in getragenem Tempo.

Bild 2 variiert das Leitthema über den zupfenden Bässen in einen neuen Duktus, in eine leichtere Gangart.

Bild 8 führt die menschliche Stimmentwicklung in Tonarten fort und

Bild 9 kontrapunktiert nach einer dreimaligen Anrufung Leitthema und Sopran miteinander, der einen versteckten Kirchenchoral anstimmt.

Während Bild 10 die Verleiblichung der Stimme im Schwebenden beinhaltet, macht sich diese in Bild 11 von irdischen Verhaftungen frei mit einem Gedicht von Rainer Maria Rilke, das als Abschluss-Arie angestimmt wird:

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,

und er verarmte mir in den Armen

und wurde klein, und ich wurde groß:

und auf einmal war ich das Erbarmen,

und er eine zitternde Bitte bloß.



Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, -

und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;

er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,

und wir haben langsam einander erkannt...




(Rainer Maria Rilke, 22.2.1898, Berlin-Wilmersdorf)

2. Kirche und Kultur eine Überführungsarbeit

In dieser Komposition wird Musik als Sprache 2. Ordnung, als Reflexion von Inhalten in kognitiver und emotionaler Hinsicht verstanden. Es kann hier abschließend nur angedeutet werden, dass diese Aufgabe in besonderer Weise auch eine Aufgabe kirchlich-kultureller Arbeit sein sollte. Unsere Gesellschaft strotzt vor Produktionen kultureller und künstlerischer Sprache: - als Klischee in Werbung, Unterhaltungsspielfilmen, Pop und Rockmusik und unzähligem anderen mehr als semiotische Zeichen in Street-Art, Kleinkunst, neuen Musikszenen und unzähligem anderen mehr in der Dimension des Symbols als Kunst, Architektur, Kunstmusik, Oper, Events und unzähligen anderen mehr.

Indem Kirche nicht immer nur das Ihrige produziert, sondern sich dem Anderen, dem Fremden öffnet und den Austausch, eben die Überführung sucht, verbinden sich Evangelium und Welt in einem freien Kontext, der Voraussetzung für jede Kunst ist und selbst durch Kunst, Kirche und Gesellschaft hergestellt werden kann. Anders ausgedrückt: Kirche verfügt nicht über eine Deutungshoheit, wie sich das Evangelium mit der Gesellschaft verbindet aber sie lädt zur Nachfolge und zu einem Weg ein, sich auf diese Weise von Gott ansprechen zu lassen.