Clip aus Bild 4 "Paulus setzt nach Europa über..."

Aus dem Beginn des 9. Bildes

Festkonzert

Festkonzert der Stadt Münster - Tag des Dialogs der Religionen

Verleih´ uns Frieden gnädiglich Motette von Heinrich Schütz 1648
Kirchenlied (EG 421*, ökumenische Fassung)

Sinfonie Nr 3 Die Religionen (Uraufführung)


Ausführende

YuanYuan Lu, 1. Sopran
Anna Sophie Brosig, 2. Sopran
Ronja Krischke, Alt
Byung Sun Kang, Tenor
Dae Jin Kim, Bass-Bariton

Es dirigiert Christian Lorenz

Intendant der Internationalen Bachakademie Stuttgart

Orchester der Musikhochschule Münster
Projektleitung Peter von Wienhardt

Zu den Werken

Motette und Choral

In einer Zeit, die von Unruhen und Aufständen geprägt ist, komponiert Martin Luther im Jahr 1529 nach der Antiphon Da pacem domine aus dem 9. Jahrhundert einen Choral, der so zeitlos und universell ist, dass er von vielen Komponisten aufgegriffen wurde. Die gregorianische Antifon "Da Pacem Domine", übersetzt Verleih uns Frieden , ist eine der bekanntesten gregorianischen Melodien überhaupt. Das liegt mit Sicherheit an dem immerwährend aktuellen Thema und auch an Vertonungen der Melodie von Johannes Eccard, Hans Leo Hassler, Felix Mendelssohn-Bartholdy, um nur einige zu nennen. Heinrich Schütz vertonte diesen Choral neu in seiner Motette Verleih´ uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unser´n Zeiten, es ist ja doch kein anderer nicht, der für uns könnte streiten, denn du unser Gott alleine (Geistliche Chormusik 1648 SWV 369 397). Schütz veröffentlichte diese Motette anlässlich des Friedenschlusses im Westfälischen Frieden 1648.

Die Sinfonie Nr 3 Die Religionen (N.Ammermann)

Stimmen

Mit dem Scheinwerfer eines orchestralen Apparates werde ich durch die musikalischen Eigenheiten der Weltreligionen geführt, die alle ihren Abglanz auf das musikalische Material eines einzelnen christlichen Kirchenliedes werfen, das sich 9 mal im Tönezauber riskiert und verändert. Das (DER) Immergleiche erweist sich immer wieder neu in einem lebendigen Prozess mit dem anderen, aber verliert seine Identität nicht: er scheint tatsächlich erst dadurch an Identität zu gewinnen. Insgesamt handelt es sich bei der Symphonie "Die Religionen" um ein Hörerlebnis jenseits der gängigen musikalischen Erwartung, das so viel an klanglicher Intensität und Schönheit mitteilt, wie der Hörer an offener Konzentration zu investieren bereit ist. Abwechselnd bieten die Strukturen des Aufbaus als auch die melodischen Phrasen den Handlauf durch fremdes, spannendes Gelände. (Michael Enenkel, Künstler, Münster-Kinderhaus)

Als am Ende des 30-jährigen Krieges am 25. Oktober 1648 der Friedensschluss verkündet wurde, stimmten die Bürger spontan den Choral Nun lob mein Seel den Herren an. Seitdem wurden Kriege von Antikriegskompositionen und Friedensverträge von Friedens-Musik begleitet. Während des 1. Weltkriegs und kurz danach haben z.B. Debussy, Strauss, Puccini, Leoncavallo, Pfitzner, Hindemith, Lehar, Faure, Webern, Eisler u.v.a. mit Vokalkompositionen den Krieg verflucht . Im Grauen des KZ konnten Ullmann u.v.a. nur mit ihren Kompositionen überleben. Und nach dem 2. Weltkrieg erklangen Friedens- und Auferstehungssinfonien, z.T. von den o.g. Komponisten. Genauso wie Musik die Gewalt- und Hassbereitschaft erhöhen kann, so kann Musik Friedens- und Versöhnungsbereitschaft fördern. - Solche Förderung trifft besonders zu, wenn die Kompositionen einen religiösen Hintergrund haben. An 3. Sinfonie Die Religionen von Norbert Ammermann kann man es ablesen und abhören: Die durchgängige orchestrale Antiphon Verleih uns Frieden , die 10-Ton-Reihung, die zen-meditativen leisen Töne, die anklagenden und tröstenden Orchesterpassagen und das klare Sopran-Solo im 8.Bild und das dialogiesierende Quartett der Religionen lassen mich eine Friedensstimmung spüren, welche durch Religion und Musik geprägt ist. (Prof. Dr. Reinhold Mokrosch, ev. Theologe, Osnabrück)

Assoziative Zugänge

Bild 1 thematisiert das Bardo Thödol (Tibetanisches Totenbuch). Nur vier Violinen flageolett in den hohen Lagen deuten das die Realität durchscheinende göttliche Licht an, und es antworten die tiefen irdenen Holzbläser (Kontrafagott, Fagotte, Bassklarinette...)... die Streicher verstärken das Licht. Es beginnt ein buddhistisch meditativer Schreitrythmus im Orchester: fünf Schritte vor und einer zurück und wieder fünf Schritte vor. Scheinbar passiert nichts in diesen Takten und doch verändert sich etwas, nämlich der Zugang zur Wirklichkeit.

Bild 2 greift jene Szene aus der Bibel auf, in der Moses aus Zorn über das ungehorsame Volk in der Wüste am Sinai die verkündeten Gesetzestafeln zerschmetter. Aber Gott in seiner Barmherzigkeit wird nicht müde, seine Gebote immer neu in Kopf und Herz der Menschen zu schreiben. Die zehn Gebote werden hörbar in der strengen Zehntonreihe der Hörner. Diese wird wüstenhaft flirrend von den Streichern in einer Fuge aufgenommen. Die kopflose, aufgescheuchte Reaktion des Volkes klingt in den Holzbläsern an, in deren Spiel diese Tonreihe zerbröckelt. Ein neuer Dialogbeginn zwischen Gott und Volk bahnt sich abschließend in den tiefen Streichern an.

Bild 3 Zen kann als Illustration eines Zen-Gartens gehört werden; und es taucht auch der Zen-Mönch auf, der den Meditierenden mit einem heftigen Schlag bewusstseins- und wahrneh­mungsfähig macht für die Einheit des Geschauten und des Selbst-Schauenden.

Bild 4 führt zur stürmischen Überfahrt des Apostels Paulus nach Europa, die Religion wird Raum der Geschichte; der Choral Ich steh an deiner Krippen hier klingt im flutenden Streichermeer auf, vom schweren 4/4 in den freundlichen 6/8 Takt gewendet; in den Takten 56 ff. kommt das Jesuskind über die Engführung der Choralmelo­die von den hohen Flöten bis in das tiefste Kontrafagott gewissermaßen vom Himmel auf die Erde herab; selbstkritisch klingen fremdartig Töne eines Marsches an ..., die Botschaft Jesu war und ist immer machtpolitischen Interessen ausgesetzt.

Bild 5 wieder führt in die friedlichen Zeiten kultureller Hochblüte der arabischen Halbinsel nach der Etablierung des Islams. Eine arabische Weise wird in den Klarinetten angestimmt und entwickelt. Die Klarinetten lassen das Murmeln der Bäche in den Gärten des Koran erklingen. Im Tutti des Orchesters wendet sich das Bild ins Ekstatische.

Bild 6 Tao gießt in eine musikalische Form die asiatische Auffassung, dass alle Dinge und Lebewesen im Universum zur Aufrechterhaltung der universalen Balance aufgerufen sind. Holz- und Blechbläser verdeutlichen in ihrer spiegelbildlichen friedlichen Stimmführung, von der Harfe zart begleitet, diese Überzeugung.

Bild 7 führt nach Indien, zu Radha und Krishna, einer Inkarnation des Gottes Vishnu. Die geschaute Religion wird zur subjektiven Beziehung zu Gott. Die Liebe zur Gottheit erklingt in der Soloviolone, die den Einsatz der menschlichen Stimme in Bild 8 vorwegnimmt.

Bild 8: Die menschliche Stimme gibt Auskunft über die Religion: Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben. Werd´t ich zunicht´, er muß vor Not den Geist aufgeben. - Ich bin Gott´s and´res Ich, in mir find´t er allein den Grund, darin wir können selig sein. Diese Aphorismen sind dem Cherubinischen Wandersmann von Angelus Silesi­us entnommen. Es sind Selbstaussagen der religiösen Seele und akzentueiren die eigentliche Aufgabe der Religion, nämlich jedem Menschen zu seiner Seligkeit (und nur zur Seligkeit!) in Gott zu verhelfen.

Im Bild 9 erfolgt eine Antwort in vier Gesangsstimmen Ich (Gott) habe Dich bei dei­nem Namen gerufen, du bist mein! Diese Antwort verschmilzt in den letzten Takten im Sopran mit der Bitte um Frieden.

Strukturelle Zugänge

Bild 1 bis 3 wirken am fremdartigsten im Gefüge der Sinfonie; denn Bild 1 greift Stimmungen des Religiösen auf, die uns im Abendland relativ fremd geworden sind. Bild 2 in zehntöniger Atonalität gibt Auskunft über die Religion als das ganz Andere und Fremde und Fordernde . Bild 3 lässt das Orchester zusammenschnurren auf den Fixpunkt der Zen-Meditation, den Pausen und der Stille kommt hier eine ganz eigene Bedeutung zu und die Musik lebt eher vom Verstummen als vom Hören.

Mit Bild 4 bis 7 kommen Strukturen der abendländischen Musik ins Spiel; so kann Bild 4 als Sonatenhauptsatzform mit wiederholter Exposition, Durchführung und Reprise verstanden werden, Bild 5 als Menuett und Scherzo-Satz, Bild 6 als der langsame Satz, die das Grundgefüge von Sinfonien bilden, Satz 7 als weiterblickendes Finale.

Mit Bild 8 und Bild 9 werden diese Strukturen weitergeführt und verdichtet.

Christian Lorenz www.bachakademie.de/838.html

Norbert Ammermann www.norbert-ammermann.de, www.musikklang.de

Peter von Wienhardt www.peter-von-wienhardt.de